Tagesnotiz, 19. Oktober 2025
Christa Wolf.
Gestern Abend die letzten Seiten ihrer Erzählung „Leibhaftig“ gelesen. 2002 erschienen. 185 Druckseiten. Kein opulentes Werk. Fiel mir trotz-dem schwer, es „durchzuerleben“. War mehrmals versucht, das Buch beiseite zu legen. Ursache?
Erzählt wir die Geschichte einer Grenzlebenserfahrung: Eine Schrift-stellerin erlebt in einem kleinen Krankenhaus die Grenz-Wanderung zwischen Leben und Tod. Es ist das Jahr 1988. Im kleinen deutschen Lande – der DDR. Das sich auch auf der Grenzwanderung befindet. Der letzten des Staates.
Der Hauptgrund meiner Erschütterung: die Schilderung des Schwebens zwischen „der bewusst gewordenen Welt“ und „der Welt dahinter“. Eigene Krankenhauserlebnisse kamen mir in die Erinnerung geschlichen. Nicht so schmerzhaft wie bei der Hauptfigur. Aber mir geriet alles in die Wolfsche Reflexion, was ich in den zurückliegenden Monaten und Wochen über mein bevorstehendes Ende grübelte:
Der zu erwartende Schmerz?
Wie groß wird die Einsamkeit sein?
Wo wird der Abschied endgültig geschehen?
Kampf? Krampf? Erleichterung?
Beindruckend, wie die Christa W. die Krankheits-Lebensgeschichte erzählt. Ein Glanzleisten. Mein Gott, sie beherrschte ihr Schreibhand-werk! Mein kritischer Lesegeist fand nichts zu mängeln …
Nun geht mir durch den Kopf, wie sehr Schriftsteller oder eben Schrift-stellerinnen mit ihrem Werken doch das Leben ihrer Leser beeinflussen können. Ganz direkt, plastisch, aktuell oder im Lebensuntergrund auf Dauer.
Hat sich mit der Erzählung „Leibhaftig“ für mich wahrhaftig eine meiner LebensGeschichten geschlossen. Ihr Beginn: meine Staatsexamensarbeit 1963/64 am Pädagogischen Institut Leipzig. Das Thema:
Christa Wolf „Der geteilte Himmel“ und Brigitte Reimann
„Die Geschwister“ – zur nationalen Frage
Wurde eine > 1 <.
Seitdem begleitete ich die Schriftstellerin. Durch das Lesen ihrer Bücher. Was sie mir mit „Kassandra“ u.a. nicht leicht machte. Aber auch die ihr präsente kulturpolitische Rolle und die Diskussionen um sie in den 70er/80er Jahren verfolgte ich mit großem Interesse. Ja, ja … und ihr Alexanderplatz-Diskussionsbeitrag 1989!
Nach der Wende tat sie mir oft leid.
Mit „Leibhaftig“ hat sie, glaube ich, ihren „Wenderoman“ geschrieben.
Nun interessiert mich noch, wer die Vorlage für die zweite Hauptfigur in der Erzählung geliefert hat. Ich bin fast überzeugt, dass sie sich mit Herrmann Kant alias „Urban“ auseinandersetzt. Sicher bin ich mir nicht! Wenn es der Kant ist … schade, dass er bei Christa Wulf so schlecht wegkommt. Zu Recht?
Hab ich Christa Wolfs Erzählung gelesen.
Kam mir Wehmut auf.
19.10.2025