Wolfgang Ruge: Gelobtes Land

Gestern Abend Ruges Bericht ausgelesen. Fast 500 Seiten. Er schreibt über seine Jahre in der Sowjetunion. 1933 wird er, sechzehnjährig, mit seinem Bruder nach Moskau geschickt. Die Eltern sind Kommunisten. Sie und ihre Kinder sind gefährdet. Dieses Schicksal teilen sie mit anderen in ihrem Alter.

Ihr Ideal: die Sowjetunion, ihre Zukunftsvorstellung. Sie erlebten aber die Wirklichkeit des „Gelobten Landes“ unter der absoluten Führung des „Weisesten der Weisen“ – Stalin.
W. Ruge beschreibt seine Jugendjahre in den dreißiger Jahren, es sind die „Säuberung-sjahre“, die Jahre des Ausbaus der Stalinschen Diktatur und des Terrors sowie die Vorkriegsjahre. Mit dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 wird er verbannt und gerät wegen seiner Herkunft als Deutscher und als deutscher Kommunist in die Verbannung.

Es beginnt seine Lagerzeit in Sibirien. Sie endet erst 1956.

Auch hier teilt er das Schicksal vieler Altersgefährten. Manche sehen im Gegensatz zu ihm nicht die deutsche Heimat wieder – verhungert, erschlagen, verschollen, erschossen.

Nicht das erste Mal höre und lese und erfahre ich von diesen furchtbaren Geschichten in „unserer“ Geschichte. Sehr spät und nur „scheibchenweise“. Auch heute sind sie weitgehend bis auf wenige Ausnahmen vergessen.

Die Wolf-Brüder – Konrad und Markus –, der Leonhardt, der Heinrich Vogeler … sie wurden mir etwas vertrauter. Und dann lernte ich noch den Werner Eberlein kennen, seine Frau und seine beiden Jungen. Und ich lernte kennen die Sowjetunion ein wenig direkter.

Irgendwie habe ich immer Mitgefühl mit den Genannten und ihren mir unbekannten Schicksalsgefährten gespürt. So junge Leute … so viele Ideale … soviel schweres Schicksal – aufgebürdet auch von den Eigenen

„Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen …“

Wieder schlich sich mir beim Lesen des Lebens-Todes-Berichts von Ruge ein trauriges Gefühl in Herz und Verstand. Auch fragende Depression …

Was ist uns da nur geschehen …?

Wie wenig ist da wirklich zu verstehen …?

Nichts davon ist schönzureden.

Und auch hier sollen mir die Großen Erklarer endlich von den Ohren wegbleiben.